Die motorische Entwicklung des Kindes

Warum die motorische Entwicklung des Kindes in den ersten Jahren so entscheidend ist.

 

Es sind vor allem zwei Faktoren, die stark auf die motorische Entwicklung eines Kindes einwirken. Einerseits sind es die genetischen Voraussetzungen, die Einfluss haben auf die Fähigkeiten, Interessen und auf die Persönlichkeit eines Kindes, anderseits formt das soziale Umfeld die Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln ganz erheblich.

Jedes Kind ist darauf ausgelegt, sich bestmöglich auf die Umwelt anzupassen. Dazu produziert das Gehirn bis in das 3. Lebensjahr hinein etwa doppelt so viele Synapsen - also Verknüpfungen im Gehirn - wie Erwachsene noch verfügen. Selbst 2 Jährige besitzen mit 100 Billion Synapsen schon so viele wie Erwachsene.

Genau diese Überproduktion an Synapsen ermöglicht es den Kindern, schnell ganz unterschiedliche Verhaltensweisen, Sprachen und Lebensstile zu erlernen.

Die Hirnforschung spricht in dieser Zeit auch von Entwicklungsfenstern oder kritischen Phasen. Das Kind ist in den jungen Jahren sehr aufnahmefähig, das Gehirn versucht zu verstehen, was wichtig ist und was nicht. Was dazu führt, dass ungenutzte Synapsen eliminiert, stark genutzte Synapsen hingegen verstärkt werden.

Die ersten Lebensjahre sind somit die entscheidendsten, wenn es darum geht, zu bewerten, was gelernt werden sollte. Kinder, die sich mit Musik nur sehr wenig auseinandersetzen, verlieren langsam ihr Grundpotential, das gleiche gilt für alle anderen Fähigkeiten. Was nicht heißt, dass es unmöglich wird, diese Bereiche später zu erlernen, es wird nur schwieriger und aufwändiger.

Jedes Kind hat jedoch seine eigene Geschwindigkeit, das bedeutet, dass Kinder sich nicht vergleichen lassen. Während das eine Kind das Gehen schon früh erlernt hat, entwickelt ein anderes Kind die Sprache früher.

Die Vorstellung einiger Eltern, alles in der Hand zu haben, ist somit falsch, jedes Kind bewertet als eigenständiges Individuum die gemachten Erfahrungen anders und entwickelt seine Interessen und seine Motivation für die Dinge, und das alles in seiner eigenen Geschwindigkeit. Nicht von jedem Fußballer wird das Kind ein sportlicher Überflieger oder aus jedem Musiker der nächste Beethoven.

Ein Kind lernt grundsätzlich erstmal eigenständig. Alle gesunden Kinder haben die notwendigen Ressourcen, um sich zu entwickeln. Eltern sollten vielmehr das Kind dabei unterstützen, es selbst zu werden.

Dies sollten Eltern versuchen umzusetzen, ohne Druck auf sich und auf die Kinder aufzubauen. Keiner muss dabei perfekt sein, Liebe, Fürsorge, Aufmerksamkeit sind schon mal viel Wert. Das Wissen um die richtigen Anregungen helfen schließlich, dass sich das Kind bestmöglich entfalten kann.

Kommen wir nun zu der Frage, was ist eigentlich die motorische Entwicklung genau und warum ist das für das Kind so wichtig? 

 

Begriffsklärung und Definition: Was bedeutet "Motorische Entwicklung"?

Die motorische Entwicklung hat seinen Ursprung aus dem Lateinischen „movere“ und bedeutet „bewegen“. Damit sind  sämtliche Bewegungsabläufe und Steuerungsaufgaben des Körpers gemeint, die für die Haltung und Bewegung zuständig sind.

Dazu gehören neben Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer, die koordinativen Fähigkeiten zur Verarbeitung und Steuerung von Informationen. Je höher die koordinativen Fähigkeiten, desto besser können neue Bewegungsabläufe erlernt und kontrolliert werden.

Unterschieden wird häufig zwischen der Grobmotorik und der Feinmotorik. Die Grobmotorik beschreibt alle Haupt-Bewegungen vom Kopf, den Schultern, dem Rumpf und Becken, bis hin zu den Armen und Beinen, während hingegen die Feinmotorik die Bewegungen der Finger, Zehen und die des Gesichts umfasst.

 

Warum die motorische Entwicklung so wichtig ist?

Neben dem reinen Erlernen der motorischen Fähigkeit wie z.B. Gehen oder Tragen lernt das Kind noch viele weitere Fähigkeiten, die erst durch die Motorik möglich werden. Bei den folgenden Fähigkeiten hat die motorische Entwicklung einen erheblichen Anteil dran:

 

Wichtig für die Wahrnehmung

Die gezielte Kopfbewegung zu der Stimme, das Fokussieren der Augen in Richtung Mama, das Heben eines Spielzeugs sind vielmehr als die reinen Bewegungen. Jedes Kind kann so seine Umwelt besser wahrnehmen, es wird so besser hören und besser sehen können, es entwickelt so auch ein Gefühl für Gewicht, Form und Material.

In den ersten Jahren lernt ein Kind zunächst einmal die folgenden motorischen Fähigkeiten: Heben, Gehen, Tragen, Balancieren, Laufen, Klettern, Springen, Werfen und Fangen. Nur durch die gesunde Entwicklung motorischer Fähigkeiten kann ein Kind seine Umwelt in allen Facetten entdecken und wichtige Erfahrungen sammeln, die es sonst nicht machen könnte.

Beim Klettern zum Beispiel lernt es, das eigene Können einzuschätzen (Selbstbild) und Gefahren zu bewerten. Jede gelernte Fähigkeit baut neue Verbindungen zwischen den Gehirnzellen auf und stärkt diese.

Durch die richtige Einschätzung seiner Fähigkeiten, traut es sich Neues auszuprobieren. Das Kind wird dann insgesamt selbstbewusster und steigert sein Selbstwertgefühl durch Bewegungen.

 

Wichtig für die Denkentwicklung

Erst mit den gemachten Erfahrungen und Fähigkeiten wird ein Kind sich Begriffe merken können, die Eltern oder andere Personen in dem Zusammenhang nennen. Das gesprochene Wort ist erst einmal inhaltsleer für ein Kind, sofern keine Verknüpfungen mit einer Erfahrung dazu gemacht wurden. Ein Kind muss das Wort „erleben“.

Durch die Motorik lernt ein Kind wichtige Zusammenhänge und lernt, Probleme zu lösen. Um alltägliche Dinge wie Balancieren beim Gehen oder Treppen steigen zu meistern, müssen viele Erkenntnisse gesammelt und Zusammenhänge verstanden werden. Ein Kind lernt durch die gemachten Fehler, es versteht, dass es auf diesem Wege nicht funktioniert und passt sein Verhalten an.

 

Wichtig für die Sprache

Die motorische Entwicklung ist Grundvoraussetzung für die Sprachentwicklung. Beim Sprechen müssen ca. 200 Muskeln koordiniert werden und erst mit der Abstimmung der Muskeln und der Atmung können Töne erzeugt werden. Ohne eine trainierte Muskulatur und die Koordination des Mundes ist Sprechen nicht möglich.

Und erst mit der Sprache werden abstrakte Denkprozesse überhaupt möglich. Man versuche sich vorzustellen, einem Kind die Zeit zu erklären, mit den Dimensionen gestern, heute, morgen und die jeweiligen Uhrzeiten ohne darüber sprechen, viel Erfolg damit.

Ein Kind lernt nicht nur die Sprache, sondern eine andere Form der Selbstwirksamkeit neben Schreien, Lächeln oder nach etwas Greifen. Es versteht, dass durch Wörter, Dinge bewirkt werden. Es kann um Wasser bitten und erhält ein Glas, um seinen Durst zu löschen. Oder es kann nach etwas Fragen und erhält eine Antwort. Es lernt Aktion und Reaktion neu kennen.

 

Wichtig für die körperliche Gesundheit.

Die motorischen Fähigkeiten führen dazu, dass ein Kind sich bewegen kann und das wiederum bringt den Kreislauf in Schwung, beugt Haltungsschäden vor, miniert das Risiko von Übergewicht und vieles mehr.

 

7 Wege zur Förderung der Motorik von Kindern

 

Die folgenden 7 Wege dienen allesamt dazu, Anreize zu schaffen, damit das Kind eigene Erfahrungen machen kann.

 

Die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Die Familie als Vorbild

Eine gut funktionierende Familie ist durch nichts zu ersetzen und der Grundpfeiler einer gesunden Entwicklung eines Kindes. Auch wenn grundsätzlich Kinder selbständig lernen und auch lernen wollen, schaffen Eltern und Geschwister viele Anregungen, die einen starken Einfluss auf die motorische Leistungsfähigkeit haben. Jüngere Geschwister haben zudem nicht selten einen schnelleren Lernzuwachs als die Erstgeborenen, weil sie täglich sehr vieles vorgelebt bekommen.

Rituale und wiederkehrende Ereignisse sind dabei sehr hilfreich. Das Kind lernt die Wörter und Bewegungen durch die Kombination Wort / Handlung. Die Interaktion mit den Bezugspersonen hilft, um das Gelernte zu strukturieren.

Eltern, die mit den Kindern Sport treiben, können zudem das Interesse und die Motivation positiv beeinflussen. Sie werden zu Vorbildern. Das wird verstärkt durch Lob, Anerkennung und das darüber sprechen. Kinder, die sportliche Aktivität früh in der Familie erlernen, werden auch für die spätere Zeit in der Schule und im Verein geprägt. Das positive Feedback ist für das Kind sehr wichtig und fördert den Prozess der motorischen Entwicklung, denn es regt weitere sportliche Aktivitäten an. Es merkt, dass es gut in einer Sache wird und will diese Erfahrung wiederholen.

Durch die richtige Ernährung können Eltern zudem ihren Teil dazu beitragen, Übergewicht bei Kindern zu vermeiden. Starkes Übergewicht ist negativ für die Entwicklung der körperlichen Leistungsfähigkeit, da es zu einer höheren Belastung für den Körper führt.

 

Raum für Bewegung geben

Spätestens mit dem Krabbeln will das Kind die Welt entdecken und sollte unbedingt die Möglichkeit dazu erhalten, auf Entdeckungskurs gehen zu können. Die Wohnung sollte so kindgerecht sein, dass sich das Kind in alle Richtungen intensiv bewegen kann. Das Kind sollte sich zudem nicht eingeengt fühlen durch die Kleidung.

Es ist ein schmaler Grad zwischen Verbieten und eigene Erfahrungen. Grundsätzlich, sofern keine ernste Gefahr ausgeht, sollte das Kind eigene Erfahrungen machen. Denn Worte und Verbote sind zunächst einmal schwer zu verstehen für ein Kind.

In der Natur spielt es sich zudem am besten, je häufiger desto besser. Die frische Luft, der viele Platz und andere Spielkameraden auf dem Spielplatz sind ideale Bedingungen, um sich „auszutoben“.

 

Gemeinsames Spiel mit den Eltern

Die Interaktion mit den Bezugspersonen ist die wichtigste Lernquelle eines Kindes. Das Vormachen, das Unterstützen, die Rückmeldung, sind alles wichtige Impulse, die ein Kind erhält. Spiele zur Förderung der Motorik sind grundsätzlich alle Krabbel- und Gehübungen und später sportliche Aktivitäten.

Zur Förderung der Feinmotorik eignen sich Holzspielzeuge ideal. Formen einsortieren, Werkzeuge benutzen, auf eine Klopfbank hämmern sind alles Möglichkeiten, um die Hand-Auge Koordination zu verbessern. Ebenso ist der Aufbau von z.B. Türmen mit Holz Bauklötzen hilfreich, um die Feinmotorik zu fördern. Dabei sollten immer so viele Sinne wie möglich angesprochen werden.

Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken sind wichtig, um die Erfahrung möglichst breit zu speichern. Nicht nur die Ausführung ist wichtig, um die Motorik zu verbessern, sondern auch die positive Verstärkung der Handlung durch die Bezugspersonen ist entscheidend.

 

Sozialer Austausch mit anderen Kindern

Sehr hilfreich sind alle Situationen, in dem das Kind mit anderen Kindern zusammen ist, entweder im Kindergarten oder zum Beispiel auf dem Spielplatz. Hier kann sich das Kind Bewegungen abschauen, die mehr seinen Bewegungen entsprechen. Es lernt durch die Interaktion mit anderen Kindern, wie diese reagieren und kann sein Verhalten entsprechend anpassen.

 

Richtig fordern

Nehmen wir mal an, du möchtest eine neue Sprache lernen und deine Lehrerin besteht drauf, Übungen für Fortgeschrittene mit Dir zu bearbeiten, weil es für dein Alter „angemessen“ wäre. Oder du kommst nach einem Auslandsjahr zurück und möchte lernen, Fachartikel in einer anderen Sprache zu schreiben und deine Lehrerin geht mit Dir das ABC durch. Die Überforderung führt zu Stress und schließlich Blockade und die Unterforderung zu Langeweile und schließlich Ablenkung.

Einige Eltern tun aber genau dies die ganze Zeit mit Ihren Kindern. Kinder werden entweder überfordert oder unterfordert. Aber genau darauf kommt es an, die Stärken und Schwächen zu erkennen und sich darauf anzupassen. Die Übungen sollten den Entwicklungsstand aufgreifen und helfen, sich weiterzuentwickeln. Dafür ist ein gewisses Gespür erforderlich, sich der Sache nur bewusst machen ist schon mal ein wichtiger Anfang. Nur weil andere Kinder schon laufen können, hat das überhaupt keine Aussagekraft für das eigene Kind. Genauso wenig, wie andere Spanisch fließend sprechen, während man die Sprache neu erlernen möchte.

Wenn man dies beherzigt, nimmt man sich und dem Kind selbst viel Stress ab und hilft bei der Entwicklung wirklich und hindert es nicht.

 

Freies Spielen ohne Vorgaben

Sämtliches Spielen, welches frei ohne Vorgaben erfolgt, ist für Kinder essentiell, um die motorischen Fähigkeiten, die Sprachentwicklung, die soziale Kompetenz, und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, zu fördern. Dazu gehört auch Herumtoben und raufen.

Das freie Spielen muss zwar nicht „organisiert“ werden, es passiert ganz automatisch, es sollte nur auch zugelassen und nicht durch Termine oder anderen Verpflichtungen verhindert werden.

 

Kreativität und musikalischen Fähigkeiten fördern

Ein Kind sollte immer in allen Aspekten gefördert werden, dazu gehört auch die Kreativität und die musikalischen Fähigkeiten. Das Singen, Musizieren und Tanzen sind nicht nur eine schöne Abwechslung, Kinder, die hier gezielt gefördert, weisen in sehr vielen Fähigkeiten eine höhere Kompetenz auf als Kinder ohne Musikförderung.

Zeichnen, Malen, Basteln machen nicht nur Spaß, sie fördern ganz ungemein die Kreativität, das Kind kann seine Gedanken schweifen lassen und dies auf Papier bringen. Es erschafft etwas Eigenes und lernt sich mit seinen Kunstwerken auszudrücken.

 

Fazit

Kinder sind in den ersten Lebensjahren auf ein Umfeld angewiesen, dass sie fördert und viele Anregungen zur Entfaltung anbietet, sowohl motorisch, sprachlich als auch sozial. Eltern sollten Kinder immer in ihrem Tempo fördern und diese nie mit anderen Kindern vergleichen. Spaß beim Spiel, die Interaktion mit möglichst vielen Sinnen und gezielte Übungen können helfen, das Kind sich selbst werden zu lassen. Das Bedürfnis des Kindes steht dabei immer vor denen der Eltern und deren Erwartungshaltung.

  • Dec 11, 2018
  • Kategorie: Blog
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